Materialfußabdruck im Bauwesen: RMI und TMR entmystifiziert

Rohstoffe · Ökobilanz

Materialfußabdruck im Bauwesen: RMI und TMR einfach erklärt

Wie viel Rohstoff steckt in Bauprodukten und Gebäuden? Wir erklären die Indikatoren RMI, TMR und RMC, zeigen Zahlen für Deutschland und die EU und ordnen die Ziele der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie ein.

SURAPVeröffentlicht: Aktualisiert: 6 Min. Lesezeit

Der Materialfußabdruck gibt an, wie viele Primärrohstoffe für ein Produkt, ein Gebäude oder eine Volkswirtschaft über den gesamten Lebenszyklus aus der Natur entnommen werden. Gemessen wird er mit dem RMI (Raw Material Input, genutzte Rohstoffe) und dem TMR (Total Material Requirement, zusätzlich ungenutzte Entnahme wie Abraum).

Rohstoffeinsatz und Umweltwirkungen wie Klimawandel und Biodiversitätsverlust sind eng miteinander verknüpft. Wer im Bauwesen ressourcenschonend planen will, braucht deshalb neben dem CO₂-Fußabdruck auch den Materialfußabdruck.

Warum sind Rohstoffe schützenswert?

Rohstoffe gehören, neben Wasser und Boden, zu den natürlichen Ressourcen, die in der Ökobilanznorm ISO 14040 als Schutzgut gelten und im EU-Umweltrecht geschützt sind. Dafür gibt es zwei Gründe:

Begrenzte Verfügbarkeit

Viele Rohstoffe, vor allem fossile und mineralische, sind nur begrenzt vorhanden oder erneuern sich sehr langsam. Ein sorgloser Umgang führt zu Engpässen in der Zukunft.

Umweltschäden durch Abbau und Verarbeitung

Gewinnung, Verarbeitung und Entsorgung verursachen Emissionen, Landschaftsverbrauch, Bodenschäden und Verlust an Biodiversität.

≈ 50 %
der globalen Treibhausgasemissionen
> 90 %
des Biodiversitätsverlusts und Wasserstresses

gehen auf Rohstoffgewinnung und -verarbeitung zurück (International Resource Panel 2019).

RMI und TMR: Was ist der Unterschied?

Der Materialfußabdruck zeigt, wie viel Rohstoff ein Produkt, ein Bauwerk oder eine ganze Volkswirtschaft beansprucht. Die beiden wichtigsten Kennzahlen bauen aufeinander auf:

Schaubild Materialfußabdruck: Der TMR umfasst den RMI (genutzte Rohstoffe) und die ungenutzte Entnahme wie Abraum
Der TMR umfasst den RMI und zusätzlich die ungenutzte Rohstoffentnahme.
RMI · Raw Material Input

Die genutzte Rohstoffentnahme, einschließlich aller Vorketten. Der RMI beantwortet die Frage: Wie viel Rohstoff wird für ein Produkt tatsächlich eingesetzt?

TMR · Total Material Requirement

RMI plus ungenutzte Entnahme: Abraum und andere Massen, die bewegt werden müssen, um an den Rohstoff zu gelangen. Damit werden versteckte Umweltwirkungen sichtbar, etwa Landschaftsveränderungen oder der Energieaufwand beim Bewegen großer Massen.

Indikator Was er erfasst Typische Ebene
RMI Genutzte Primärrohstoffe inkl. Vorketten Produkt, Gebäude
TMR RMI plus ungenutzte Entnahme (z. B. Abraum) Produkt, Gebäude
RMC RMI abzüglich Exporte in Rohstoffäquivalenten Volkswirtschaft

Erfasst wird die Entnahme von Primärrohstoffen aus der Natur. Abiotische Rohstoffe stammen aus der Erdkruste: fossile Rohstoffe (Erdöl, Erdgas, Kohle), Metalle und Erze (Eisen, Kupfer, Aluminium) und mineralische Rohstoffe (Sand, Kies, Kalkstein, Gips). Biotische Rohstoffe sind natürliche und kultivierte Biomasse wie Holz, Nutzpflanzen und Tiere.

Materialfußabdruck von Bauprodukten

Auf Produktebene zeigt der Materialfußabdruck den gesamten Rohstoffeinsatz für ein einzelnes Produkt. So werden ressourcenintensive Bauprodukte sichtbar. Das beeinflusst auch das Produktdesign, etwa zugunsten ressourcenschonender Materialien, höherer Recyclinganteile oder recyclebarer Komponenten.

Beispiel: Rohstoffaufwand je Tonne Aluminium

Primäraluminium

≈ 40 t
Legierung mit 30 % Recyclinganteil

≈ 17 t

Im Forschungsprojekt „Rohstoffaufwand in der ÖKOBAUDAT“ haben wir die Materialfußabdrücke von über 600 Bauprodukten und Bauprozessen berechnet. Mehr dazu im Beitrag Rohstoffaufwand in der ÖKOBAUDAT: Transparenz im Bauwesen.

Materialfußabdruck von Gebäuden

Auf Gebäudeebene wird der Materialfußabdruck zum Indikator für ressourceneffizientes Bauen, betrachtet über den gesamten Lebenszyklus. Ein hoher Wert bedeutet, dass viele Ressourcen in ein Bauprojekt fließen. So lässt er sich senken:

  • Urban Mining: Materialien und Bauteile aus Bestandsgebäuden wiederverwenden.
  • Sekundärrohstoffe: z. B. R-Beton mit rezyklierter Gesteinskörnung einsetzen.
  • Langlebige Bauweisen: Nutzungsdauer verlängern, Austauschzyklen reduzieren.

Beispielprojekte wie das Rathaus Korbach aus R-Beton und das Suffizienzhaus U10 in Kassel zeigen, wie Kreislaufwirtschaft im Bauwesen gelingt. Den Materialfußabdruck eines Gebäudes berechnest du direkt im Modell mit dem SURAP Revit® Plugin oder im SURAP Webtool.

RMC, SDGs und die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie

Gesamtwirtschaftlich wird der Raw Material Consumption (RMC) verwendet: der RMI abzüglich der Exporte in Rohstoffäquivalenten. Er erfasst die Rohstoffe, die weltweit für den Konsum und die Investitionen eines Landes entnommen werden, und macht Länder vergleichbar. In den Sustainable Development Goals ist er als Indikator verankert, in SDG 8.4.1 (Wirtschaftswachstum) und SDG 12.2.1 (nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion).

Rohstoffkonsum (RMC) in Tonnen pro Kopf und Jahr

Deutschland, Ausgangswert NKWS

≈ 16 t
Deutschland 2023 (Eurostat)

13,7 t
EU-Durchschnitt 2024 (Eurostat)

13,7 t
Leitbild NKWS für 2045

6–8 t

Die NKWS rechnet mit einem nationalen Modell, Eurostat mit einem EU-weiten. Daher liegt ihr Ausgangswert höher als die Eurostat-Zahl. Quellen: Eurostat, BMUV.

Nach Berechnungen des International Resource Panel gilt ein weltweiter Primärrohstoffverbrauch von 6 bis 8 Tonnen pro Person und Jahr als verträglich mit den planetaren Grenzen. Daran orientiert sich die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS), die die Bundesregierung am 4. Dezember 2024 beschlossen hat. Sie formuliert als Leitbild, den Rohstoffkonsum bis 2045 auf 6 bis 8 Tonnen pro Kopf zu senken.

Gut zu wissen: Das Ziel der NKWS ist ein Leitbild, kein verbindliches Ziel. Ein Zwischenziel für 2030 enthält die Strategie nicht, was Umweltverbände kritisieren. Für die Baubranche ist das Leitbild trotzdem ein wichtiger Orientierungswert, denn mineralische Baustoffe machen einen großen Teil des Rohstoffkonsums aus.

Grenzen des Materialfußabdrucks

Der Materialfußabdruck zeigt, wie viel Rohstoff eingesetzt wird. Über konkrete Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sagt er nichts aus. Deshalb sollte er ergänzt werden:

Midpoint-Indikatoren

Messen eine Größe entlang der Wirkungskette, z. B. Tonnen Rohstoff. Dazu gehört der Materialfußabdruck.

Endpoint-Indikatoren

Zeigen direkte Effekte auf Gesundheit, Ökosysteme oder Ressourcenverfügbarkeit.

Qualitative Ergänzungen

Standards wie FSC für Holzprodukte schließen Lücken bei sozialen und ökologischen Aspekten.

Fazit: Ressourcen und Klima zusammen denken

Der Materialfußabdruck zeigt, wie viele und welche Rohstoffe für Gebäude und ihre Bauteile nötig sind. Wer ihn misst, kann den Rohstoffeinsatz nachvollziehen und gezielt reduzieren, von der Rohstoffgewinnung über Herstellung und Nutzung bis zu Rückbau und Recycling.

Damit Klimaschutz und Ressourceneffizienz zusammenpassen, empfehlen wir, Materialfußabdruck und Klimafußabdruck gemeinsam zu betrachten. So werden Zielkonflikte sichtbar, und Entscheidungen lassen sich fundiert treffen.

Häufige Fragen zum Materialfußabdruck

Was ist der Materialfußabdruck?

Der Materialfußabdruck gibt an, wie viele Primärrohstoffe für ein Produkt, ein Gebäude oder eine Volkswirtschaft über den gesamten Lebenszyklus aus der Natur entnommen werden. Er wird in Tonnen angegeben, meist als RMI oder TMR.

Was ist der Unterschied zwischen RMI und TMR?

Der RMI (Raw Material Input) erfasst die genutzten Rohstoffe einschließlich der Vorketten. Der TMR (Total Material Requirement) enthält zusätzlich die ungenutzte Entnahme, etwa Abraum, der bewegt werden muss, um an den Rohstoff zu gelangen.

Was bedeutet RMC?

Der RMC (Raw Material Consumption) ist der Rohstoffkonsum einer Volkswirtschaft: der RMI abzüglich der Exporte in Rohstoffäquivalenten. Er ist Indikator für die SDGs 8.4.1 und 12.2.1.

Welches Ziel setzt die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie?

Die im Dezember 2024 beschlossene NKWS formuliert als Leitbild, den Rohstoffkonsum in Deutschland bis 2045 auf 6 bis 8 Tonnen pro Kopf und Jahr zu senken. Das Ziel ist nicht verbindlich.

Wie berechne ich den Materialfußabdruck eines Gebäudes?

Grundlage sind die Mengen aller Baustoffe und Rohstoffkennwerte je Produkt, etwa aus der ÖKOBAUDAT. Mit dem SURAP Revit® Plugin oder dem SURAP Webtool lässt sich der Materialfußabdruck direkt aus dem Gebäudemodell berechnen.

Weiterführende Literatur

Hast du Fragen oder Anmerkungen? Schreib uns über unser Kontaktformular.

Materialfußabdruck direkt im Gebäudemodell berechnen

Mit dem SURAP Revit® Plugin und dem Webtool bewertest du Ökobilanz und Rohstoffaufwand je Material, Bauteil und Gebäude.


Rohstoffaufwand in der ÖKOBAUDAT: Transparenz im Bauwesen

Nachhaltigkeit im Bauwesen gewinnt zunehmend an Bedeutung, und die ÖKOBAUDAT spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Datenbank der Bundesregierung bietet umfangreiche Informationen zur Umweltauswirkung von Bauprodukten und Bauprozessen. In Zusammenarbeit mit der Universität Kassel hat die SURAP GmbH im Rahmen des Projekts „Rohstoffaufwand in der ÖKOBAUDAT“ neue Daten entwickelt, um den Ressourcenverbrauch im Bauwesen noch transparenter und messbarer zu machen. Der vollständige Endbericht gibt detaillierte Einblicke in Methoden und Ergebnisse und ist hier frei verfügbar.

ÖKOBAUDAT: Ein Schlüssel für Ökobilanzierung im Bauwesen

Die ÖKOBAUDAT ist eine zentrale Anlaufstelle für Bau- und Planungsunternehmen sowie Architekten, die umweltfreundlich bauen wollen. Als offizielle Datenbank der Bundesregierung dient sie als wichtige Grundlage für das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) und das Qualitätssiegel Nachhaltiges Bauen (QNG). Durch umfassende Umweltinformationen unterstützt sie dabei, den Rohstoff- und Energieeinsatz in Bauprojekten transparent zu machen und ressourcenschonende Bauweisen zu fördern.

Das Projekt „Rohstoffaufwand in der ÖKOBAUDAT“

Mit dem Ziel, den Ressourcenverbrauch im Bauwesen effizient zu gestalten, entwickelte das Projekt umfassende Datensätze für Bauprodukte und Bauprozesse. Im Zentrum stehen zwei wichtige Indikatoren:

    • Raw Material Input (RMI): Dieser Indikator misst die gesamte Menge an Rohstoffen, die lebenszyklusweit (d.h. bei der Herstellung, Nutzung und Entsorgung) eines Produkts genutzt werden.

    • Total Material Requirement (TMR): Der TMR erfasst Menge des aus der Natur entnommenen oder dort bewegten Primärmaterials, sowohl das genutzte als auch das ungenutzte Material.

Beide Indikatoren können für detaillierte Einblicke in abiotische Anteile (fossile Rohstoffe, Metalle, mineralische Rohstoffe) und biotische Anteile (Holz, agrarische Rohstoffe, aquatische Rohstoffe) disaggregiert werden. Auf Gebäudebeebene können der RMI und TMR helfen, den Rohstoffaufwand eines Gebäudes von Anfang an zu dokumentieren und zu optimieren und „Gebäuderessourcenpässe“ mit quantitativen Rohstoffkennzahlen auszustatten. Im Gebäuderessourcenpass der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) werden beide Indikatoren bereits als Zusatzindikatoren anerkannt. Die Indikatoren schaffen nicht nur auf Produktebene Transparenz, sondern ermöglichen es auch, den Rohstoffverbrauch deutschland-, europa-, oder weltweit zu vergleichen und so Benchmarks zu setzen.

Auf geamtwirtschaftlicher Ebene wird der Raw Material Consumption (RMC) genutzt, der den RMI für im Inland verwendete Materialien angibt und so internationale Vergleiche ermöglicht.

Ein erster Einblick in die Ergebnisse

Die im Projekt erstellten Datensätze bieten bereits spannende Erkenntnisse zum Ressourcenverbrauch verschiedener Materialkategorien. In einer beispielhaften Grafik zeigt sich, dass die durchschnittlichen RMI-Werte (Raw Material Input) je nach Materialkategorie stark variieren. Diese Werte verdeutlichen, wie unterschiedlich der Ressourcenaufwand im Bauwesen sein kann – und wie wichtig es ist, bei der Materialwahl auch ökologische Faktoren zu berücksichtigen.

Raw Material Input (RMI) von Bauprodukten in der Herstellungsphase

Klima und Ressourcen gemeinsam denken. Der Schlüssel zur vollständigen Klima- und Rohstoffbilanz im Bauwesen

Das Projekt „Rohstoffaufwand in der ÖKOBAUDAT“ leistet einen entscheidenden Beitrag zu einer transparenten und ressourcenschonenden Bauwirtschaft. Mit den RMI- und TMR-Indikatoren haben Bauunternehmen und Planer eine praxistaugliche Grundlage, um zusätzlich zur Klimawirkung den Rohstoffaufwand im Bauwesen greifbar zu machen – ein echter Schritt in Richtung zukunftsortientiertes Bauen. Es bleibt spannend zu sehen, wie diese Ansätze den Umgang mit Ressourcen im Bauwesen verändern und welche neuen Möglichkeiten sich daraus für Bauprojekte ergeben!

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Mehr zum Materialfußabdruck findest du im Blogbeitrag Materialfußabdruck im Bauwesen: RMI und TMR entmystifiziert